Mikroszenarien alltäglichen Handelns

In Uncategorized by gerkoegert

Einen Ball, der durch die Luft fliegt, fängt man nicht, indem man dorthin läuft, wo er ist, sondern dorthin, wo er auf die Erde kommen wird. Das weiß jeder Hund. Handeln, auch menschliches, ist niemals nur eine Tätigkeit im Präsens. Sie ist in die Zukunft gerichtet, oder besser: Annahmen über die Zukunft wirken auf die Handlung ein und bilden sogar einen wesentlichen Teil von ihr. Nicolai Bernstein beschreibt dies als „motor problem“.1 Wie muss eine Handlung verlaufen, damit sie in der gegebenen, aber auch in der zukünftig entstehenden Situation andere Handlungen affiziert und durch diese affiziert werden kann? Erfahrung ist dabei ein wesentlicher Teil zur Artikulation des „motor problem“. Um nicht in der Gegenwart ‚stecken zu bleiben‘ wird die gegenwärtige Handlung in die Zukunft modelliert bzw. extrapoliert.2 Bei einem ausschließlich von der Gegenwart ausgehenden Problem würde die Handlung ‚ins Leere laufen‘.

Erfahrung, so zeigt Bernstein, ist im Motorproblem auf wesentliche Weise mit der Handlung verbunden. Durch ihr Zusammenspiel wird die Handlung überhaupt erst möglich. Ohne Modellierung würden Handlungen wie ziellose Bewegungen herumirren. Begriffe von Verbindung und Zusammenspiel können jedoch fehlleiten, wenn sie so verstanden werden, dass Erfahrung und Aktion zwei unterschiedliche Prozesse sind. Erfahrungen sind vielmehr – das haben Pragmatisten wie William James und Alfred North Whitehead gezeigt – selbst Handlungen. Handeln ist nicht das Gegenstück einer Erfahrung, sondern die Erfahrung ist als ein Pol der Handlung zu verstehen, die sich zwischen der Erfahrung auf der einen Seite und dem, was man Aktion oder Expression auf der anderen Seite nennen könnte, aufspannt.

Während Erfahrung und Aktion zwei Pole des Motorproblems bilden, die es ermöglichen Zukünftiges in die Handlung hineinzufalten, so kommt aus der Vergangenheit noch ein dritter Faktor als handlungsgenerierend hinzu: die Gewohnheit. Vergangene Erfahrungen haben sich zur Gewohnheit zusammengezogen3 und machen damit die Gewohnheit zu jener Kraft, die den Erfahrungsbogen in die Zukunft und zugleich in die Vergangenheit treibt. Wir sehen: Der Handlungsbogen verläuft keineswegs linear, vielmehr falten sich die Zeiten in die Handlung bzw. die Handlung in die Zeiten, die sich zunächst jeglichen Formen der Linearität und Kausalität entziehen und so Zeitschichten simultan wirken lassen.
Bis hierher – so könnte man sagen – klingt alles so, als ob eine Handlung lediglich von einer Person ausgeführt würde. Wenn auch nicht zeitlich linear, so doch individuell und intentional. Doch diese individuelle Perspektive missachtet eine zentrale Dimension der Gewohnheit als treibende Kraft der Handlung: die Relationalität. Die Relationalität von Handlung zu anderen Handlungen (meistens haben wir es mit mindestens zwei Handlungen zu tun) ist gerade jener Modus, in dem Handlungen auf Handlungen wirken und umkehrt von Handlungen affiziert werden.

Eines der radikalsten Konzepte einer Rationalität der Handlung ausgehend von der Gewohnheit hat Pierre Bourdieu formuliert. Habitus ist der Begriff, mit dem er beschreibt, dass Gewohnheit nicht einfach der Selbstbezug eines handelnden Individuums auf sich selbst und seine früheren Handlungen ist, sondern dass diese Handlungen immer in einem Milieu stattfinden und somit in Bezug zu anderen Handlungen stehen. Eingeprägte und zur Gewohnheit geronnene Erfahrungen bilden Habitusschemata, die es ermöglichen,

„sich partiell wechselnden Zusammenhängen ununterbrochen anzupassen und in praktischem, quasi körperlichem Antizipieren der dem Feld immanenten Tendenzen und der von allen isomorphen Habitus (mit denen sie wie in einer wohltrainierten Mannschaft oder einem Orchester unmittelbar kommunizieren, weil sie spontan mit ihnen harmonisieren) erzeugten Verhaltensweisen die Situationen als sinnvolle Gesamtheit zu konstruieren.“4

Das Konzept des Habitus macht deutlich, dass in der Gewohnheit Aktion und Erfahrung keineswegs zu trennen sind, sondern die beiden Pole der Handlung bilden.

Habitus und Gewohnheit sind – das führt Bourdieu aus – treibende Kräfte der Handlung. Sie wirken auf die Handlung ein und über sie hinaus, so dass die Handlung als ein in die Zukunft reichender Bogen synthetisiert wird. Es wäre jedoch falsch, Habitus und Gewohnheit lediglich in der Vergangenheit zu situieren. Als soziale und relationale Kraft wirkt der Habitus nicht einfach in die Zukunft, er ist durchtränkt mit Zukunft. Dass der Habitus zukunftsbasiert, statt nur zukunftsorientiert ist, zeigt dabei seine Rationalität und sein Verhältnis zum Milieu. Habitus ist ein Prozess von sich anpassenden Gewohnheiten. Es gibt eine stetige Anpassung der Handlungen an die Weisen, wie sie aufgenommen und affiziert werden. Pragmatistisch gewendet, könnte man sagen: Die Handlungen werden von ihren Effekten her moduliert. Doch diese Anpassungen sind nicht einfach Anpassungen an ein gegebenes Milieu und ein Umfeld, wie es ist. Vielmehr findet die Anpassung der Handlungen im Modus des Als-ob statt (Modellierung/Extrapolation). Denn da die Handlung selbst Teil des Milieus ist, verändert sie dieses auch durch ihren Vollzug. Um eine Synchronizität zwischen Handlung und Milieu zu erzielen, vollzieht sich die Handlung auf eine Weise, als ob die Veränderung schon stattgefunden hätte.5 Die Handlung spekuliert mit ihrer eigenen Zukunft. Und so kann die Handlung erst, indem sie ihre eigene Zukünftigkeit mit einbezieht, sich dem Milieu anpassen. Habitus, verstanden als ein durch Gewohnheit bestimmtes Verhältnis zum Milieu und damit als relationale Praxis, ist nicht nur die Bedingung für ein in die Zukunft gerichtetes Handeln, er ist selbst durchtränkt mit Zukunft, mit einer Anpassung, die niemals auf die Gegenwart zu beschränken ist.
Wenn Bourdieu seine sozialen Analysen alltäglicher Machtstrukturen auf eine Trägheit des Habitus baut, also jene körperliche hexis, die Machtverhältnisse selbst dann festigt und fortschreibt, wenn auf diskursiver Ebene anderes behauptet wird (aktuell am deutlichsten in den Debatten zur Geschlechtergerechtigkeit und zur Klimakatastrophe zu sehen, bei denen es eine große Diskrepanz zwischen Aussagen und Handlungen gibt), dann ist diese Trägheit nicht einfach die Unfähigkeit der Anpassung eines Individuums durch seinen Habitus. Trägheit ist nicht der Grund für eine Diskrepanz zwischen Individuum und Milieu, es ist vielmehr die Trägheit der Relationen selbst, die eine Veränderung des Handelns verhindert. In der Trägheit verliert der Habitus seine Zukünftigkeit, obwohl das durch ihn in Gewohnheit manifestierte Handeln durchaus noch zukunftsgerichtet ist. So ist bspw. das intentionale Handeln des homo oeconomicus ein Handeln, das auf zukünftigen Gewinn gerichtet ist, jedoch jede Anpassung der eigenen Handlungslogiken zugunsten von ‚rationaler Risikoabwägung‘, Kausalität und individueller Kontrolle negiert. Man kann hier durchaus von einem situationalen oder situiertem Handeln sprechen, in dem die Situation gekannt und aufgenommen wird. Handlungen basieren auf Gewohnheiten, die durch genau diese Situation erlernt wurden, die aber die Situation selbst nicht überschreiten und diese auch nicht verändern. Es ist ein individuelles Handeln in der Situation, anstatt ein relationales Handeln (mit) der Situation.

Ein zukunftsbasiertes Handeln hingegen ist ein Handeln, das von seiner spekulativen Anpassung zum Milieu ausgeht und diese zur Grundlage seiner Ausrichtung nimmt. Das Milieu wird dabei als wichtiges Element des Habitus aufgenommen und in die Handlungen einbezogen. Die Bezeichnung ‚zukunftsbasiert‘ kann dabei irreführend sein, da Zukunft nicht etwa dem Handeln vorausgeht, sondern erst durch dieses hervorgebracht wird. Das Hervorbringen neuer Situationen ist immanenter Bestandteil eines relationalen Verständnisses habitualisierten Handelns. Es ist – so könnte man sagen – transsituational, es überführt Handlungen von einer Situation in eine zukünftige, wobei dabei auch hier zu beachten ist, dass diese Situation nicht dem Handeln vorgängig ist, sondern erst durch dieses geschaffen wird. In der Handlung wird die Situation zu einer neuen Situation. In der Verbindung von Zukunft und Situation wird das Handeln ein Handeln des Szenarios. Das Szenario liegt dabei in der Relation des Handelns und nicht in der Imagination einzelner Daten. Oder, um an das Vokabular von Bernstein anzuknüpfen: Handlung ist Modellierung und folgt nicht einfach einem Modell. Ein Szenario ist immer eine Verbindung von Handlungen zu ihrem Milieu und damit zu anderen Handlungen. Das Handeln des Szenarios ist kein individualisierter Prozess, sondern kann sich nur als eine zeitliche Dimension der Zukunft in der Rationalität des Handelns entfalten.

Auch wenn im zukunftsbasierten Handeln die Möglichkeit liegt, Machtverhältnissen, die auf der Trägheit des Habitus und den damit einhergehenden Politiken individuell-rationalen Handelns beruhen, zu entkommen, so ist es keineswegs emanzipatorisch per se. Durch seine Anpassungsfähigkeit an zukünftige Milieus wirkt die Macht des Habitus mit voller Kraft. Als relationale und situationsverändernde Kraft produziert der Habitus gerade jene Milieus, in denen er am meisten ‚zu Hause‘ ist oder in denen das Handeln die stärksten Effekte hat. Es ist ein operatives oder „präemptives“ Handeln, um hier ein Konzept Brian Massumis aufzunehmen, das sich nicht mehr nach dem ihm zugeneigten Milieu richten muss, sondern diese durch sein Handeln selbst erschafft.6 Es ist der Habitus eines Donald Trump, dessen Handeln nicht auf die Bedürfnisse eines bestimmten Milieus und einer bestimmten Wählerinnenschaft gerichtet ist, sondern mit jeder Handlung zugleich deren Zustimmung generiert. Es ist die von Rechtspopulistinnen immer wieder beschworene ‚Politik der Tat‘, in der die Handlung als Handlung zählt und damit ihre eigene Wertschätzung schafft. Jene spekulative Dimension, der immer auch die Möglichkeit zum Scheitern innewohnt, ist der Trägheit der Relationen gewichen, die Handlung und Milieu scheinbar in eins fallen lassen. Zukunftsgerichtetheit ist hier selbst zur Zukunftsbasiertheit geworden. Selbstaffizierung ist der Modus ihrer Politik.

Bourdieu hat seine Studien zum Habitus vor allem im alltäglichen Handeln angesiedelt. Während der Alltag oftmals als etwas gilt, in dem durch die starke Dominanz der Gewohnheit und des habitualisierten Handelns das Neue und Zukünftige keinen Platz hat, so war es ebenso Bourdieu, der durch seine relationale Konzeption des Habitus sowie durch sein Nachdenken über die Prekarität die Zukünftigkeit erneut in den Alltag eingetragen hat. Im Alltag, so zeigen Bourdieus Studien – wie auch eine ganze Reihe feministischer Texte – wird das Handeln zum umkämpften Feld männlicher Herrschaft.

Während die Biographie allzu oft – in Form von CVs bei Jobinterviews oder literarisch als Autobiographie publiziert – das aktuelle Handeln als Produkt individueller Gewohnheiten erklärt und herleitet, haben feministische Autorinnen seit langem auf die Rationalität und die Zukünftigkeit gerade dieser Gewohnheiten und des durch diese Gewohnheiten hergestellten Alltags hingewiesen. Wenn Chris Kraus in I Love Dick über ihr Leben in Form (spekulativen) Begehrens, des Briefeschreibens und der Beziehungsgefüge, durch die sie sich bewegt, beschreibt, wenn Paul B. Preciado in Testo Junkie über die Einnahme von Testosteron schreibt, die sein Verhältnis zu Welt verändert, oder wenn Cassie Thornton in The Hologram eine selbstorganisierte, auf peer-to-peer-Beziehungen basierende feministische Gesundheitsfürsorge vorschlägt, dann wird hier der Alltag vor allem als Beziehungsgefüge beschrieben.7 Während das autarke und intentional handelnde Ich hinter sich gelassen bzw. in eine Ich-Fiktion, wie Isabel Mehl schreibt, überführt wird, wird die Biographie zur Beziehungsarbeit.8 Durch Formen der Autofiktion (Kraus), des spekulativen Selbstversuchs (Preciado) und der radical imagination (Thornton) werden der Alltag und die Biographie zur Arbeit mit und an Beziehungen – Beziehungen des Milieus, der Vergangenheit und der Zukunft. Dort, wo die Autorinnen das Handeln als Modulation der Beziehung zu anderen Handlungen (aktuellen und zukünftigen) fassen, wird Alltag szenarisch. Alltag ist dann nicht mehr die bestimmende Struktur rein vergangenheitsbasierter Gewohnheiten, sondern ein Handeln mit dem Als-ob.
Szenarisches Handeln, wie es hier und in den erwähnten Texten ge- und beschrieben wurde, zeigt die Prekarität, die in der Hinwendung zu den Beziehungen des Milieus liegt. Ihre Unsicherheit artikuliert sich in folgenden Fragen: Welche Handlungen werden aufgenommen? Welche Effekte generieren sie? Und welche Handlungen werden gerade nicht wahrgenommen und laufen ins Leere?

Die Dominanz eines z.B. männlichen Handlungssubjekts führt zu einer Reduzierung der Gewohnheit auf die Vergangenheit und wertet damit habituelle Formen spekulativer und prekärer Handlungsweisen ab. Dieses Handlungssubjekt begreift sich zwar nicht mehr unbedingt als autonomes, jedoch versteht es sich als eines, dessen imaginierte Kohärenz durch ‚eigene‘ Gewohnheiten hergestellt wird. Das Milieu ist dann lediglich als Grund und Selbstbestätigung seines Handelns dienlich. Das Szenario und die eigene Abhängigkeit vom Milieu wird nur im Sinne einer auf sich selbst gefalteten Bestätigung geduldet: Modell statt Modellierung, individuelles statt szenarisches Handeln. Und so sind die Texte von Kraus, Preciado und Thornton als Aufforderung zu verstehen, Techniken zu entwerfen, die die Gewohnheit der Vergangenheit entreißen, das Handeln szenarisch machen und die Zukunft nicht auf etwas reduzieren, nach dem wir uns richten, sondern diese selbst Teil des Habitus werden lassen.

(Der Beitrag erscheint demnächst in: Zukunft, gefaltet. Choreographien des Als-Ob. Herausgegeben von Martina Bengert, Jörg Dünne und Max Walther)

Fussnoten

  1. Nikolai Bernstein: „Trends and problems in the study of investigation of physiology of activity“, in: H. T. A. Whiting (Hg.), Human Motor Actions: Bernstein Reassessed, Amsterdam: Elsevier 1984, 441-466, hier 457.
  2. Zum Konzept der Modellierung bzw. der Extrapolation siehe ebd.
  3. Das Konzept des Zusammenziehens durch Gewohnheit ist hier Gilles Deleuzes Hume-Lektüren entnommen: Gilles Deleuze, David Hume, Frankfurt a.M.: Campus 1997.
  4. Pierre Bourdieu, Meditationen: zur Kritik der scholastischen Vernunft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2001, 178.
  5. Auf ähnliche Weise beschreibt Gilbert Simondon das Verhältnis von Organismus und Milieu als eine Relation des Als-ob: „Everything takes place as if the corporeal schema of the human species had been modified, as if it had dilated, had received new dimensions; the order of magnitude changes; the perceptual grid is broadened and differentiated; new schemas of intelligibility are developed, as when a child leaves his village and takes stock of his country’s extent. It is not a matter of conquest: that notion is the fruit of a closed culture. It is a matter of incor- poration, which, on the collective level, is functionally equivalent to the appearance of a new vital form.“ Gilbert Simondon, „Culture and Technics“ [1965], in: Radical Philosophy 189 (2015), 17-23, hier 21.
  6. Vgl. Brian Massumi, Ontopower: War, Powers, and the State of Perception, Durham: Duke University Press, 2015, 5.
  7. Vgl. hierzu: Chris Kraus, I love Dick, Los Angeles: Semiotext(e) 2006; Paul B. Preciado, Testo Junkie, Berlin: b_books 2016; und Cassie Thornton, The Hologram: Feminist, Peer-to-Peer Health for a Post-Pandemic Future, London: Pluto Press 2020.
  8. Isabel Mehl schreibt: „Das Ich, das hier entworfen wird, hat an das autarke Ich nie geglaubt. Es begreift sich immer schon in Beziehung zu anderen, ist ein per se soziales Ich und in diesem Sinne trotz der Auseinandersetzung mit weiblicher Erfahrung nicht exkludierend. […] Dieses kollektive Potenzial ist es, was an der Ich-Fiktion politisch relevant ist.“ Isabel Mehl, „Die Ich-Funktion“, in: Texte zur Kunst. Siehe auch den Beitrag „Ein Leben schreiben. Chris Kraus Ich-Operationalisierung“ auf diesem Blog.