Fall und Methode

Das ermittelnde Denken 2

In Das ermittelnde Denken by gerkoegert

Ermitteln beschreibt das Lösen von Fällen. Dieser einfache Satz birgt mindestens zwei Probleme, die jede*r, die ermittelt, mehr Schwierigkeiten bereiten als das Ermitteln selbst. Erstens: Was ist der Fall? Zweitens Was heißt lösen? Drei Bücher, um die es im Folgenden gehen soll, behandeln jeweils einen Fall: den Fall des Mordes an Laëtitia Perrais in Ivan Jablonkas Laëtitia oder das Ende der Mannheit (franz. 2016, dt. 2019), den Fall der experimenteller Lebenspraktiken afroamerikanischer Frauen* zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Saidiya Hartmans Wayward Lives, Beautiful Experiments(2019) und der Fall des Mordes an Jane Mixer in Maggie Nelsons Jane. A Murder (2005). Doch auch wenn die Texte um einen „Fall“ bzw. mehrere „Fällen“ kreisen, gehen alle drei Autor*innen zugleich über diese Fälle hinaus. Ihr Schreiben zeigt, dass ein Fall nicht einfach ein Fall ist, dass er im Ermitteln entsteht, und dass andere Weisen des Ermittelns durchaus in der Lage sind andere Fälle bzw. Fälle anders hervorzubringen: Statt den Mord, das Leben zu ermitteln; statt sich für den Mörder und sein Motive für das „Opfer“ und seine alltäglichen Kämpfe zu interessieren, statt die Gewalt polizeilicher und richterlicher Ermittlungen zu reproduzieren, die Akten nutzen, um mit ihnen jene Geschichte zu ermitteln, die bis jetzt keinen interessiert haben und die auch vor Gericht nicht erzählt wurden.

Ivan Jablonka: Zur Methode I (soziologisch)

Der Fall, dem Ivan Jablonka in seinem Schreiben nachgeht, ist der Mord an der 18-jährigen Auszubildenden Laëtitia Perrais. Dem skandalisierten Interesse an den Ermittlungen zu ihrem Mord setzt Jablonka eine andere Ermittlung entgegen: Es ist Jablonkas erklärtes Ziel, Laëtitias Geschichte nicht als ein Leben zum Tode zu erzählen, sondern als ein Portrait des Lebens selbst.1 Um dieses Portrait zu schreiben, beginnt der Historiker und Hochschullehrer zu ermitteln: Er ermittelt in Laetitias sozialem Umfeld, bei ihren Freund*innen, ihrer Familie, den Institutionen, die mit ihrem Leben, wie auch ihrem Tod beschäftigt waren: Pflegefamilien, Gerichte, das Jugendamt, die Polizei. Sie alle befragt er und verwebt ihre Berichte zu einem dichten Netz, das zu dem Mord an Laëtitia geführt hat, dass aber auch den Umgang mit dem Mord, die darauffolgenden Ermittlungen der Polizei und das Einmischen der Politik umfasst. Er schreibt über ihre Kindheit in Heimen und Pflegefamilien, über Personen und Institutionen, die sie begleitet haben, sich um sie gekümmert haben, sie vernachlässigt und verlassen haben, sie missbraucht haben. Er schreibt über den Tag an dem sie vergewaltigt und ermordet wurde. Das Netz an Informationen, das er über Laëtitias Leben ermittelt ist weit mehr als der Mord an ihr. Es ist eine Ermittlung des Lebens, ein Leben, das aus sozialen Beziehungen, wie aus sozialen Beschränkungen besteht und dessen Rekonstruktionen die Ermittlungen des Autors vorantreiben.2

Mit seinen Ermittlungen zum sozialen Leben Laëtitias knüpft Jablonka einerseits an die Ermittlungen Michael Foucaults und dessen Recherchen zu dem Tod des jungen Algeriers Djellali Ben Ali (siehe dazu den Beitrag Detektivmaschinen bauen auf diesen Blog) an, andererseits teilt er seine Fragen mit dem Autor Éduard Louis, der in seinem Buch Wer hat meinen Vater umgebracht die Frage nach dem Leben als soziale Frage stellt und nach der Rolle der Politik bei dem Tod seines Vaters sucht.

Gerade wenn Jablonka über die Berichte des polizeilichen Ermittelns hinausgeht, wenn er selbst zu ermitteln beginnt, hallt Louis‘ politische Frage wider: Wer hat meinen Vater umgebracht? Wer hat Laëtitia umgebracht? Jablonkas Ermittlungen, sind keine, die wie das Strafsystem auf das Auffinden des Mörders ausgerichtet sind. Dieser ist bereits ermittelt, verhaftet und verurteilt. Wenn er schreibt, Sarkozy stelle den beiden Figuren Meilhon-der-Vergewaltiger und Patron-der-Vater einen dritten schuldigen, den mitschuldigen Richter zu Seite (S. 199), dann sind Jablonkas Ermittlungen – ohne dabei die Schuldigkeit ihres Vergewaltigers und Mörders zu schmälern – auf politische Institutionen und die soziale Strukturen gerichtet, in denen Laëtitia gelebt hat und ermordet wurde. Immer wieder spricht er mit Angestellten der Straf- und Fürsorgeinstitutionen, geht deren Geschichten, den Ausführungen zu den inneren Mechanismen der staatlichen Fürsorge und ihren Widersprüchen nach. Basierend auf seinen langjährigen Forschungen zur Geschichte der Jugendfürsorge sieht er die Komplexität dieses Systems in seiner historischen Gewordenheit, er sieht dessen Dysfunktionalität und die strukturelle Vernachlässigung durch den Staat bei der Fürsorge, ohne jedoch den Glauben an den Sinn ihrer Arbeit und ihre Auswirkungen zu verlieren. Jablonka wird in seinem Schreiben zu einem Detektiv des Sozialen, der dem Mord an Laetitia ermittelt und dabei die Vergehen eines politischen Versagens, einer sozial exkludierenden Gesellschaft und ihrer Institutionen sowie eines von der Politik eingesetzten „Krimenopopulismus“ (S. 194) aufdeckt, der den Mord an Laëtitia in Dienst nimmt, um eigenen politischen Vorteil auf Kosten ihrer erneuten Objektivierung zu gewinnen.

Auch wenn das Buch sich in eine Reihe von True Crime Geschichten einordnen lässt (ein Vergleich der von Jablonka explizit hergestellt wird), so geht es doch gerade in seinen eigenen Ermittlungen über dieses Genre hinaus und begibt sich in eines, das nur allzu nah angrenzt und in vielen Fällen verbunden ist: die investigative Recherche. Jablonka schreibt nicht einfach über das Ermitteln, er ermittelt selbst: Er nutzt die Fakten des kriminologischen Falls für seine Ermittlung des Sozialen. Als Autor vergleicht er seine Methode mit der des Ermittlers („Ich empfand diesen Ermittler sofort als eine Art Alter Ego“, S. 224) und bringt sich aktiv selbst in die Entfaltung der Geschichte ein. Er reflektiert sein Auftreten, seine soziale Autorität, die mit seiner Stellung als „angegrauter Uniprof“ aus Paris einhergeht (S. 337). 

Doch den Fall, den er ermittelt – Laetitias Leben in ihrer sozialen Situation – ist keiner, der durch das Finden eines entscheidenden Details gelöst wird, vielmehr ist es ein Fall, der im Schreiben entsteht. Ohne einfach über den Fall Laëtitia zu schreiben, entwirft er ein ermittelndes Schreiben, in dem er ihr Leben in seiner sozialen Situiertheit und mit all der sozialen Gewalt aufdeckt, die die Institutionen und Pflegefamilien ausgeübt haben. Er schreibt das Leben Laëtitias als liebevolles und manchmal stark paternalistisches Portrait, dessen Phantasien zuweilen von Reinheit und Rettung getrieben sind. Die Weite, in die Jablonka seine Ermittlungen treibt (und in die Jablonka durch seine Ermittlungen getrieben wird), die Rolle der sozialen und staatlichen Institutionen bis hinein in den Wahlkampf des Präsidenten, aber auch die Landschaft, die Straßen an denen Laëtitia gelebt hat und gestorben ist, ihre Bekannte, Freund*innen, Verwandten – sie alle werden durch Jablonkas Ermittlungen mit kriminalistischer Genauigkeit verknüpft und analysiert und schreiben so das soziale Portrait von Laëtitias Leben, ihrer Ermordung und der Entwicklung ihres „Falls“.

Saidiya Hartman: Zur Methode II (fabulativ)

Auch Saidiya Hartmans Buch Wayward Live, Beautiful Experiments. Intimite Histories of Riotous Black Girls, Troubesome Women, and Other Queer Radicals ist eine Ermittlung des Lebens. Anders als Jablonka, geht es ihr nicht darum ein Leben und dessen Situiertheit in den sozialen Institutionen zu erkunden, ihr geht es um eine soziale Praxis des Lebens, die sich gerade nicht in den kontrollierenden und regulierenden Institutionen wiederfindet: Hartman geht es um das Leben afroamerikanischer Frauen* in Philadelphia und New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch ihre Methode ist detektivisch, indem sie eine Gegengeschichte zur Kriminalisierung sogenannter devianter Leben schreibt. Ermittelnd sichtet sie „journals of rent collectors; surveys and monographs of sociologists; trial transcripts; slum photographs; reports of vice investigators, social workers, and parole officers; interviews with psychiatrists and psychologists; and prison case files“ (S. xiv). Jene Dokumente präsentieren die Leben von Esther Brown, Eva Perkins, Harriet Powell und anderen Frauen* als „Fälle“ der rassistisch-strukturierten Institutionen der Erfassung und Kontrolle Schwarzer Leben. Wie Jablonka nutzt Hartman diese Dokumente für ihre Gegen-Ermittlungen und löst so die Leben der Frauen* von ihrer polizeilichen Regulierung. Ganz im Sinne Foucault nutzt sie die Archive nicht, um bestehendes kriminalisierendes Wissen zu reproduzieren und zu festigen, sondern mit den vorhandenen Dokumenten neue Gegenermittlungen zu beginnen. Gegenermittlungen gegen die rassistische Gewalt der Institutionen, der Gewalt, die sie ausgeübt haben und ihrer Archive. Ohne den Versuch, die von ihr in und zwischen den Dokumenten entdeckte anarchische Kraft in individuelle Biographien zu überführen, adressiert sie die soziale Kraft eines Lebens, das immer wieder negiert, verfolgt und kriminalisiert wurde. Doch zugleich – und dies ist Hartmans Einsatzpunkt – sind diese Dokumente oftmals das einzige, was diese Leben dokumentiert. Im Fokus kriminalistischer Institutionen richten sich die von Hartman beschriebenen Leben der afroamerikanischen Frauen* gegen die sozialen Strukturen rassistischer weiß-dominierten gesellschaftlicher Institutionen. Während Jablonka die sozialen Einflüsse aufdeckt, die die Biographie Laëtitias bestimmen und geprägt haben, geht es Hartman darum, die Dokumente zu nutzen, um von einer sozialen Praxis zu erzählen, die sich gerade gegen die bestehenden Strukturen und Institutionen richtet. Beide erfassen dabei in ihrem Schreiben, was in den Dokumenten nicht erzählt wird. Während der eine Autor soziologisch erklärt, schreibt die andere Autorin eine Soziologie des revolutionären Anarchismus im Alltag.

Critical Fabulation, so nennt Hartman ihre Methode des Schreibens, das sein kritisches Potential gerade in der (notgedrungen) spekulativen Verknüpfung von Dokumenten, Akten, Aussagen sieht. Dies ist keine kritische Haltung der Distanz, kein Brecht’scher Verfremdungseffekt, der die Leser*in immer wieder auf die Vermitteltheit der Geschichte hinweist, vielmehr ist es eine Kritik, die dem Schreiben der Geschichten selbst immanent ist. Geprägt durch den Effekt der Immersion eröffnet Hartmans Schreiben ein Leben, wie es hätte sein können, ohne sich jedoch aus dem Netz der Fakten hinauszubewegen. Es ist – wie sie schreibt – ein experimentelles Leben, das ein experimentelles Schreiben erfordert. 

„What took place behind the closed doors of a rented room in a lodging house was a moment, an iteration of the revolution of black intimate life that was taking place in New York, Philadelphia, and Chicago in the first decades of the twentieth century. It was part of the general unrest that came to define the age of the New Negro. Experiment was everywhere. It was a ubiquitous term employed to describe a range of social projects – from the settlement house to a laboratory of sociology to a model tenement, from aesthetic and scientific innovations to radical design for living. It was a term bandied out. There was nothing precious or unusual about seeking, venturing, testing, trying, speculating, discovering, exploring new avenues, breaking wit traditions, defying law, and making it, except that hardly anyone imagined that young black women might be involved in this project too.” (S. 60)

Hartmans Ermitteln zu diesen experimentellen Lebensformen und Existenzweisen ist kein Spekulieren über das Leben, es ist ein spekulieren mit dem Leben. Gerade indem sich Hartman der Kreativität des Lebens anschließt und die von ihnen gelebten Kräfte vervielfältig, lässt sie jeder einzelnen der Frauen* Gerechtigkeit widerfahren. Es ist das Schreiben eines experimentellen Lebens: kritisch, fabulierend, ermittelnd (Ein Leben Schreiben). 

Mittels kritischer Fabulation ermittelt Hartman das Leben der Frauen als experimentelle Praxis einer Welt anderer Möglichkeiten (Guattari). Dieses Leben hatte keinen Platz in der sozialen Welt weißer Institutionen. Und doch war es Teil von ihr. Laëtitia Leben wurde von Jablonkas Ermittlungen in der Welt sozialer Institutionen situiert. Das von Hartman beschriebene Leben afroamerikanischer Frauen bleibt diese Situierung verwehrt. Ihr Buch ist – wie sie eingangs schreibt – aus dem Nirgendwo geschrieben: “from the nowhere of the ghetto and the nowhere of utopia” (xiii). Und nur durch Fabulation lässt sich im Nirgendwo schreibend ermitteln.

Maggie Nelson: Zur Methode III (poetisch)

In zwei Büchern geht Maggie Nelson dem Leben und der Ermordung ihrer Tante Jane Mixer nach: Jane. A Murder (2005) und The Red Part. Autobiography of a Trial (2007). Während letzteres eine Chronik der 35 Jahre nach dem Mord stattfindenden Gerichtsverhandlungen ist, ist Jane. A Murder selbst eine Ermittlung im Fall der ermordeten Tante. Es entsteht eine Ermittlung in und durch die Form der Poesie. Wie können Formen experimentellen, literarischen Schreiben genutzt werden, um ein Leben auf andere Weise zu ermitteln, als nur in Form von Bericht und Report? 

Wie auch für Jablonka und Hartman geht auch Nelson von Texten, Tagebucheinträgen, Fotos, Gesprächen etc. aus. Während Hartman es zu ihrer Methode des ermittelnden Schreibens macht, diese auf fabulative Weise zu verbinden, nutzt Nelson das Schreiben, um die Dokumente in ihren Ermittlungen selbst umzuformatieren. Sei es durch die Platzierung der Wörter auf den Seitens des Buches, sei es durch Beschreibungen von Bildern in Form der Lyrik. 

„Dear
I understand many people write for therapy – one’s own.
So this epistle, addressed to no one, 
is therapy for me. What have I got to say–
oh a lot of crazy impressions about nothing
I imagine“

(Jane. A Murder,  S. 13)

Dies ist die erste Seite von Nelsons Buch und zugleich ein Auszug aus Janes Tagebücher, umformatiert von Nelson. Warum diese Umformatierung bestehender Texte? Sie sind Teil von Nelsons Ermittlungstechniken, dem Versuch durch die Dokumente den Mord, aber ebenso das Leben von Jane, seine Umstände und Gegebenheiten zu verstehen. Es ist keine kohärente Methode, kein erlerntes Wenn-du-es-so-machst-wirst-du-Erfolg-haben. Es ist vielmehr das Experimentieren mit dem, was Nelson von Janes Leben bleibt: Wörter. Sie selbst beschreibt ihre Methode als detektivisch – denn, soviel ist klar – jede detektivische Arbeit verfährt mit der Methode von Trial-and-Error.

„The detective and the dreamer

cobble things together
from whatever lies

nearby, like
plumbers fixing pipes

with rags and strings
in a poor country.“

(Jane. A Murder, S. 161/162)

The detective and the dreamer. Detektivisch und träumend, so ermittelt auch Nelson. Sie geht den Dokumenten ebenso nach, wie die Weise wie diese auf sie wirken, wie sie sie verändern und welche Träume sie evozieren. Ermitteln wird hier ein psycho-soziales Ermitteln, das jedoch nicht einfach im Sinne des profiling die Psyche des Täters verstehen will (um den geht es wie bei Jablonka und Hartman höchstens am Rande), sondern ein Ermitteln, das affektiv operiert. Persönliches und Öffentliches werden dabei als feministische Methode verknüpft, ohne dabei dem skandalisierenden Berichten der Medien zu folgen. Welche Informationen lassen sich aus einem Traum gewinnen, wenn sie mit den anderen Dokumenten verbunden werden?3 Es ist dieses Interesse an den affektiven Dynamiken den Informationen und ihren Konstellationen, dem Nelson mit ihren Umformatierungen in Form der Lyrik nachgeht. Die Frage, die sie dabei treibt, ist eine klassische und jeder Ermittlerin bekannt: Was können uns diese Dokumente noch sagen? Was steckt in ihnen? Was wurde bis jetzt übersehen? Und auch sie weiß:  Wenn alle Informationen bekannt sind, kann das Neue nur in der neuen Konstellation (der neuen Formatierung) erscheinen. Die Seiten des Buches werden hier zur Pinnwand der Ermittlerin, auf der sich Elemente beliebig vertauschen und verbinden lassen. 

Dass Nelsons poetisch-ermittelndes Schreiben auch im Bereich der konventionellen (sprich: polizeilichen) Ermittlungen für Interesse war, erwähnt sie in The Red Parts

„When Jane comes out in March 2005, Schroeder [der im Fall Jane Mixer ermittelnde Polizist] will go through each poem with a highlighter. We will respond about some details – where I got the information about the timing of a phone call Jane supposedly made on the night of her murder, if I know where he might find the guest book from Jane’s funeral, that I mention, and so on.
I can honestly say that it’s the first book of poetry I’ve ever read he will write.
I will write back, equally honestly, that it’s the first I‘ve ever written to be highlighted by a homicide detective.“ (14)

Situiert in den Dokumenten, Berichten, Gesprächen über Jane entwirft Nelson ihre Ermittlungen als eine Frage der Methode. Wie Jablonka und Hartman entwickelt sie dabei ein Verhältnis zu den bestehenden Ermittlungen und Fakten, das diese zwar nutzt, sie aber weder reproduziert noch sie gänzlich zurückweist und sich von ihnen löst (das Schreiben wird hier niemals reine Fiktionalisierung). Zwischen den Fakten spüren die Autor*innen dem Wissen eines anderen Lebens und seiner sozialen und psychologischen Verwicklungen nach. In diesem Spüren (das weniger mit dem Fühlen als vielmehr mit dem Aufspüren zu tun hat) entwickeln sie ihre Methoden des ermittelnden Denkens – politisch, fabulativ, poetisch.

Literatur

Hartman, Saidiya: Wayward Lives, Beautiful Experiments. Intimate Histories of Riotous Black Girls, Troublesome Women, and Queer Radicals. New York: W.W. Norton & Company 2020.

Jablonka, Ivan: Laëtitia oder das Ende der Mannheit. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Berlin: Matthes & Seitz 2019.

Louis, Éduard: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt a.M.: Fischer 2019.

Nelson, Maggie: Jane. A Murder. Berkeley: Soft Skull Press 2005.

Nelson, Maggie: The Red Parts. Autobiography of a Trial. London: Vintage 2015

Fussnoten

  1. Jablonka schreibt direkt zu Beginn seines Buches: „Ich kenn nicht eine Erzählung eines Verbrechens, die nicht den Mörder auf Kosten des Opfers aufwertete. Der Mörder ist da, um zu gestehen, zu bereuen oder sich aufzublasen. In seinem Prozess ist er der Mittelpunkt, wenn nicht gar der Held. Ich möchte das Gegenteil tun und Frauen und Männer von ihrem Tod befreien, sie dem Verbrechen entreißen, das ihnen das Leben und sogar ihre Menschlichkeit nahm Nicht ihrer als ‚Opfer‘ gedenken, denn das hieße, sie ein weiteres Mal von ihrem Ende her zu sehen, sondern sie wieder in ihrem Leben verankern. Zeugnis für sie ablegen.“ (S. 8)
  2. Siehe zum Begriff des Lebens, vor allem in Bezug zur Praxis des Schreibens den Beitrag: Ein Leben schreiben.
  3. Nur am Rande sei hier erwähnt, dass die Traumdeutung wahrscheinlich das Feld des ermittelnden Denkens par excellence ist und dessen Ermittlungstechniken über Jahrzehnte ausgearbeitet wurden.