Ein Leben schreiben

Chris Kraus Ich-Operationalisierung

In Ein Leben schreiben by gerkoegert

Was bedeutet es (über) ein Leben zu schreiben, das nicht persönlich ist? Wie dem Strom vielfältiger, singulärer Handlungen und Praktiken zu folgen und dieses unpersönliche Leben – Deleuze nennet es „ein Leben“ – zu schreiben, ohne dabei allgemein oder generell zu werden? Wer ein Leben schreib, gibt weder das „Ich“ einfach auf, noch bildet dieses den Ausgangspunkt des Schreibens, es ist vielmehr strategische Operation: Kein auktoriales, sondern ein operationales Ich ist das Ich des unpersönlichen Lebens. In diesem Beitrag möchte ich den feministischen Implikationen dieser Ich-Operationalisierung nachgehen: Immer wieder zeigen Autor*innen wie Chris Kraus wie die Politik des unpersönlichen Ichs ein feministisches Schreiben/Leben außerhalb von Autobiographie und Bekenntnisliteratur ermöglicht.  

Einsteigen möchte ich mit einem Gedanken aus Didier Eribons Rückkehr nach Reims (2009). Auch wenn dieses Buch zwölf Jahre nach Christ Kraus  I Love Dick (1997) geschrieben wurden, so sind die deutschen Übersetzungen beider Bücher fast zeitgleich erschienen (2016/2017) und haben so – zumindest in der deutschsprachigen Rezeption – einige Resonanzen erzeugt.1 Eribon schließt seine Autosoziographie in Rückkehr nach Reims mit einer radikalen Situierung: Die Scham der eigenen Herkunft, die sein Schreiben antreibt und dieses zuggleich immer wieder unmöglich macht; die Scham die beim Schreiben bleibt und die durch das Schreiben nicht verschwindet. Ganz im Sinne der Soziographie bildet diese Scham für ihn kein rein innerliches Gefühl, vielmehr ist sie Ausdruck der Verinnerlichung eines Lebens, dass das Individuum übersteigt und es doch an sich bindet. Dieses Ein-Leben-Haben und zugleich nicht sein Leben zu haben, ist für Eribon Motor der Scham und des Schreibens zugleich.

Das unpersönliche Ich

Ein Leben zu schreiben, dass weder das eigene ist, und dass sich doch nicht losgelöst von einem ereignet – so ließe sich auch Chris Kraus literarische Praxis bezeichnen. Auch bei ihr führt die Scham – die Scham, keine Anerkennung in der Kunstwelt zu erfahren – dazu sich dem Leben gerade nicht aus biographischer, aber ebenso wenig aus rein fiktionalisierter Sicht zu stellen. Die Frage, die sich beide Autor*innen auf je unterschiedliche Weise im Schreiben über ihr/ein Leben stellen, ist die Frage nach dem Politischen des Lebens. Wie politisiert man (s)ein Leben? Was ist politisch daran sein Leben zu thematisieren? Und was sind damit die feministischen Implikationen?

In Eribons „Geständnis“ zu seiner Scham (bzw. der „Scham des Geständnisses“, S. 123), artikuliert er gerade die Schwierigkeit und die Notwendigkeit als Individuum über das Leben zu schreiben. Bei Kraus mündet diese Schwierigkeit in ihrer expliziten Zurückweisung eines Schreibens als Geständnis. Im Interview mit Denise Frimer sagt sie: “The word ‘confessional’ is not a good descriptor of my work. […]  “I,” [is] an active “I” that’s turned out onto the world.”2

Auch wenn Eribons und Kraus Bücher sehr unterschiedliche Texte formen – Kraus wird als Literatur rezipiert, Eribon als wissenschaftliches Schreiben –, dann bilden beide jeweils starke und überaus wichtige Versuche über das Leben zu schreiben ohne in die Struktur der Autobiographie mit der Erzählung eines kohärenten Subjekts zu Verfallen. Das autobiographische Ich wird bei ihnen durch ein Ich ersetzt, dass gerade kein Garant für Autorität, Authentizität und Erfahrung bietet. Das Ich wird, wie Isabel Mehl schreibt, zur „Ich-Funktion“.3 Das Ich wird operational. Eine soziale Operation, eine fiktionale Operation, eine theoretische Operation, eine literarische Operation – eine Operation des Lebens. Ein operationales Ich perspektiviert „das Material ‚Leben‘ unter dem Blickwinkel des Darstellungsinteresses, das sich an der Funktion der Verwendung der Ich-Perspektive ausrichtet.“4 Indem der Ausdruck selbst Teil des Ichs wird, wird das Schreiben von einem einfachen Schreiben über das Leben, zu einem Schreiben des Lebens. In ihrem Buch I love Dick thematisiert Kraus dieses Problem explizit als feministisches:

„Weil für die meiste »seriöse« Literatur nach wie vor entscheidend ist, dass sie einen möglichst vollkommenen Ausdruck der Subjektivität einer einzigen bestimmten Person entfaltet, gilt es als unfein und amateurhaft, die Nebendarsteller nicht zu »fiktionalisieren«, also ihre Namen und die weniger bedeutenden Charakteristika ihrer Identitäten nicht zu verändern. Der »seriöse« hetero-männliche Roman unserer Zeit ist ein nur oberflächlich verschleiertes »Meine Geschichte« und ganz genauso unersättlich verzehrend wie das Patriarchat insgesamt. Während der Held/ Anti-Held ausdrücklich der Autor ist, werden alle anderen auf »Figuren« reduziert. […] 
Wenn Frauen versuchen, diesen falschen Dünkel aufzuspießen, indem sie Namen nennen, und zwar ganz einfach deshalb, weil sich unsere vielen »Ichs« unablässig verändern, wann immer wir anderen »Ichs« begegnen, dann werden wir als Schlampen bezeichnet, als Verleumderinnen, Pornografinnen und Amateurinnen. »Warum bist du so wütend?«, sagte er zu mir. 
An jenem Abend befinden sich keine Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Das Haus ist leer, sauber. Nach dem Abendessen sitzen Sylvère und Chris gemeinsam auf dem Boden und schalten den Laptop an.“ (I Love Dick, S. 70/71)

Kraus beschreibt hier das männliche, patriarchale System, das ein Schreiben favorisiert, in dem entweder eine „fiktionale“ Heldenfigur (die dann als Analogie zum Autorsubjekt fungiert) oder eine klassische Biographie/Autobiographie, in der der Autor sich als kohärentes Subjekt schreibt, entworfen wird. Kraus schreiben wiedersetzt sich diesen beiden Polen und sie wedersetzt sich dabei auch der klaren Zuordnung fiktionalem vs. nicht-fiktionalem Erzählen (wobei dies eine etwas müßige Unterscheidung ist, die lediglich in einem fortwährenden fact-checking enden würde). Interessant ist, dass Kraus dennoch an Formen des biographischen festhält: Reale Namen tauchen auf, Personen aus ihrem Leben, Teilweise wird in Ich-Form geschrieben. Es sind Flexionspunkte, die das Geschriebene immer wieder in sein Außen falten und das Außen in das Geschrieben, ohne jedoch das eine mit dem anderen zu rahmen. Damit bildet Kraus Schreiben die Beschäftigung mit der Frage: Wie in der ersten Person Singular schreiben, wenn, wie Kraus sagt, dieses Ich sich permanent verändert, und damit keine Grundlage mehr für die Ereignisse, Erfahrungen, Erzählungen ihrer Bücher bildet. Es ist ein unpersönliches Ich, wie Kraus immer wieder in Interviews betont. Und es ist diese Unpersönlichkeit des Ichs, die zentral für einen Umgang mit Biographie und Leben ist, der nicht durch subjektive Positionen vereinnahmt werden soll.

Ein Leben schreiben

In seinem kurzen und kurz vor seinem Tod geschriebenen Text Die Immanenz: Ein Leben5 differenziert Gilles Deleuze zwischen dem individuellen Leben und dem, was er „ein Leben“ nennt: Dieses Leben ist nicht das Leben eines Individuums, vielmehr ist es überall, es ist ein Strom von Ereignissen: „Das Leben des Individuums ist einem unpersönlichen Leben gewichen, das ein reines Ereignis hervortreten läßt, frei von den Zufällen des inneren und äußeren Lebens, das heißt von der Subjektivität und Objektivität dessen, was geschieht.“ (S. 368)

Das Unpersönliche des Lebens, bedeutet dabei jedoch keineswegs, dass es allgemein oder gar generell ist; es ist singulär – „Singuläres Wesen, ein Leben…“ (S. 368). Das Ich ist somit weder einfach ein Marker für ein Subjekt, noch wird es objektiviert; das Ich ist vielmehr im Leben, es ist Teil des Stroms als dass das Leben im inneren des Ichs stattfindet. Anders ausgedrückt: Ohne Ich geht es nicht. Um ein Leben zu leben bedarf es eines Ichs, einer Person, die das Leben aktualisiert. Als „Indefinites“ enthält das Leben „nur Virtuelles“ (S. 369). Durch die Operationen des Ichs wird es realisiert. Doch dieses Ich ist keineswegs der Ursprung oder gar die Akteurin des Lebens, Im Strom der Ereignisse wird das Ich zu einer Operation, eben zur aktualisierenden und realisierenden Ich-Funktion. 

Kraus schreibt in ihren Texten nicht einfach ‚über‘ das Leben oder gar ‚ihr‘ Leben. Ihr Schreiben des Lebens ist radikal performativ und affirmativ: „Radikal“, weil es am Grund der Performativität kein Handelndes Ich mehr gibt, affirmativ, weil sie in die Umstände und Ereignisse eintaucht und diese nicht von außen betrachtet. In der Nähe, der Verwickeltheit mit anderen Prozessen des Lebens (Dick, Sylvère), das Auftauchen bekannter Namen, Ereignisse, etc. wird Kraus Schreiben selbst zum Teile eines Lebens, eines unpersönlichen Lebens, das jedoch nicht jenseits von konkreten Personen, konkreten Ichs existieren kann. In der Absage von Subjekt und Objektivierung entwirft Kraus einen anderen Weg, eine andere Technik: Ihre operationale Verwendung des Ichs wird zu einer Intensivierung oder Aktualisierung von Leben. Und zugleich wird das Leben durch diese konkreten Ich-Operationen politisch: In den konkreten Verhältnissen und Ereignisses schreibt Kraus Beziehungen von Macht, von Ausschluss, von Sexismus. Denn Ich-Operationen sind niemals autark, sondern immer Formen der Beziehungsarbeit – oder wie Mehl schreibt: „Das Ich, das hier entworfen wird, hat an das autarke Ich nie geglaubt. Es begreift sich immer schon in Beziehung zu anderen, ist ein per se soziales Ich und in diesem Sinne trotz der Auseinandersetzung mit weiblicher Erfahrung nicht exkludierend. […] Dieses kollektive Potenzial ist es, was an der Ich-Fiktion politisch relevant ist.“6 Und so sind Kraus Texte voller Leben, die in der patriarchalen Ordnung keinen Platz haben: Chris Kraus, Ulrike Meinhofs, Simone Weils, Kathy Acker… Sie alle modulieren das Leben auf feministische Weise.

Obwohl uns viele der Namen bekannt sind, widersetzt sich Kraus Schreiben des Lebens immer wieder der Aneignung durch einzelne Subjekte und damit durch die patriarchale Ordnung. Ihre Texte sind zu persönlich, um einfach nur eine persönliche Anekdote zu sein. Ihrer Unpersönlichkeit bietet gerade jenen Elementen und Operationen des Lebens Platz, die sonst durch zu schnelle Aneignung ausgeschlossen werden. So ließe sich im Anschluss an Deleuze sagen, dass Krauss Schreiben die Bewegungen eines Lebens kartographiert, diese aber nicht auf einen inneren Kern (Bekenntnis) faltet, sondern ihren Relationen folgt und diese als Möglichkeiten der Modulation nutz. Schreiben wird hier zu einem Schreiben, das selbst Teil eines Lebens ist; es ist ein Schreiben, das das Leben von innen heraus untersucht, moduliert und verändert.

[Der Text basiert auf meinem Beitrag für den Workshop my form is myself, anlässlich der Veröffentlichung von I Love Dick  in deutscher Übersetzung am 28.8.2017 in Weimar, organisiert von Linda Keck und Max Walther.]

Fussnoten

  1. Im englischsprachigen Raum sind diese Resonanzen vor allem durch die Publikation im gemeinsamen Verlag Semiotext(e) zu sehen.
  2. Aus dem Interview: Chris Kraus in conversation with Denise Frimer, in: The Brooklyn Rail, April 2006.
  3.  Mehl, Isabel: „Die Ich-Funktion“, Texte zur Kunst. Online 11.9.2019.
  4.  Ebd.
  5. Deleuze, Gille: „Die Immanez: ein Leben“, in: Schizophrenie und Gesellschaft. Texte und Gspräche 1975-1995. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005, S. 365–370.
  6. Mehl, Isabel: „Die Ich-Funktion“, Texte zur Kunst. Online 11.9.2019.