Detektivmaschinen bauen

Das ermittelnde Denken 1

In Das ermittelnde Denken by gerkoegert

The Murder of Halit Yozgat, Open Source Material Collage ©Forensic Architecture 2020

Was wäre passendender als diesen Blog mit der Frage nach einem politischen Handeln der Wissenschaft zu eröffnen. Welche Formen der Politischen Praxis gibt es in der Wissenschaft und wie lassen diese sich an der Uni aber über diese hinaus entwickeln? Zwei Fragen sind dabei von besonderem Interesse: welche Praktiken aus dem aktivistischen oder künstlerischen Bereich lassen sich in der universitären Arbeit, bspw. der Lehre einsetzen? Und umgekehrt: Welche Praktiken des Forschens können wir nach außen tragen, um mit ihnen politisch zu agieren?

Eine Weise wie sich Wissenschaftler*innen immer wieder und auf sehr prominente Weise außerhalb der Uni äußern ist die Kritik. Kritik ist die wissenschaftliche Praktik, die dazu dient, verschieden Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zu kommentieren und sich selbst als öffentlichen Intellektuellen zu konstituieren. Ein Problem, dass dabei immer wieder zum Vorschein tritt ist – und das haben Fred Moten und Stefano Harney in den Undercommons sehr gut ausgeführt 1 –, dass man sich durch die Kritik auf eine Position außerhalb der politischen Umstände begibt: Einerseits tritt man zwar aus der Universität heraus, andererseits tritt man aber auch nicht in die Gesellschaft hinein. Man bleibt an einem distanzierten Ort, sei es im Feuilleton, sei es auf einer Podiumsdiskussion oder der Theaterbühne.

Groupe d’information sur le prison

Fragebogen des GIP (1971) (Quelle)

Die Frage ist also welche anderen Praktiken hat die Wissenschaft (wohl eher als die Universität) zu bieten, politisch zu handeln? In den frühen 1970er Jahren gründeten Michel Foucault, Daniel Defert, Gilles Deleuze und anderen die Groupe d’information sur le prison (GIP), mit dem Ziel die Missstände in den Gefängnissen in Frankreich zu verändern. Doch nutzten sie nicht einfach ein universitäres Wissen, um öffentlich die Gefängnisse zu kritisieren (Foucault Studie Überwachen und Strafen, erschienen 1975, ist das Ergebnis und nicht die Grundlage dieser Arbeit), vielmehr haben die Mitglieder in einen kollektiven Forschungsprozess gestartet. So haben sie Fragebögen entwickelt, die von den Angehörigen in die Gefängnisse gebracht wurden und Interviews geführt, um die Zustände in den Gefängnissen zu dokumentieren und publik zu machen.  Abgedruckt und verbreitet wurden die Forschungen in der dafür gegründeten Zeitschrift Intolérable.

Doch ihr Protest richtete sich nicht nur gegen die Gefängnisse, sondern gegen das gesamte Strafsystem: Die Beteiligten haben angefangen in Bezug auf die Polizeigewalt gegen den Journalisten Claude Mauriac sowie den Tod des jungen Algeriers Djellali Ben Ali zu ermitteln. Sie gründeten das Komitee Djellali, eine Untersuchungskommission über die Lebensbedingung des Viertels, in dem Djellali wohnte. Diese „Gegen-Untersuchungen“ (Eribon) waren natürlich keine rein polizeilichen, hier wurde nicht die Arbeit der Polizei übernommen, vielmehr ging es darum – oftmals sogar gegen die Polizei – die Umstände zu ermitteln, in denen diese Morde passieren konnten, und die durch diese Morde ausgedrückt wurden. Welche sozialen Strukturen, welche institutionellen Machtverhältnisse etc. haben zu diesen Taten geführt? Welche Verurteilungen haben sie nach sich gezogen? Welche Verhältnisse wurden durch sie in den Gefängnissen verursacht? 2

Die Politische Arbeit der GIP war eine Forschungsarbeit, die kein bereits bestehendes Ergebnis gesamtgesellschaftlich/populär verbreitet hat, sondern in der kollektiv geforscht wurde: wissenschaftlich, aber nicht in der Universität, sondern im aktivistischen Verbund. Hier hat eine Gruppe von Aktivisten geforscht, sie hat sich regelmäßig getroffen, zusammengearbeitet und so Strukturen zwischen der Universität und anderen Institutionen aufgebaut. Dabei hat sie die Universität mehr und mehr verlassen wie es dann am Beispiel von AIDES zu sehen war. 3 Dabei war ihr Anliegen gesellschaftspolitisch wie universitär: Durch aktivistische Forschungen neue Forschungsverbünde entstehen lassen. Auf diesen Aspekt weist auch Félix Guattari hin, wenn er schreibt, es sei die Arbeit selbst, ihre kollektive Performativität, die das Forschen sowie die Bedingungen des Forschens verändere.4

Radical Criminology

Die Arbeitsweise der GIP könnte man mit dem Namen einer anderen Gruppe als Radical Criminology (RC) bezeichnen.  RC hat etwa zeitgleich in den 1960er und 70er-Jahren in Kalifornien an den Rändern der Universität geforscht und gearbeitet.

RC, oder die Berkeley School of Criminology, vor allem die Professor*innen Julia und Hermann Schwendiger waren eine Gruppe von Wissenschaftler*innen an der UC Berkeley, die ihr kriminologisches Wissen nicht weiter in den Dienste des Staates stellen wollten, sondern – vor allem ausgelöst durch den Vietnamkrieg – angefangen haben gegen den Staat zu ermitteln. Sie verstanden Kriminologie als einen aktiven Kampf gegen die politische Ordnung und die Institutionen, die diese aufrecht hielten. Das Institut wurde 1977 nach einem langen institutionellen Kampf von Ronald Reagan, dem damaligen Gouvernor of California geschlossen.5 Dieser Kampf zeigte, dass ein ermittelndes Denken immer auch seine eigenen institutionellen Bedingungen hinterfragen muss. Ermitteln wird hier gerade zu einer transversalen Praxis, die über die eigenen Initiationen hinausragt und sich gerade in den Verbindungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Felder ihre politische wie epistemische Kraft entwickelt. Ermitteln in seiner radikalen Form ist somit immer ein Gegen-Ermitteln: Ein Ermitteln gegen die herrschenden Bedingungen, gegen die eigene institutionelle Beschränktheit und zugleich gegen jene Politik, die die eigene Praxis versucht unmöglich zu machen.

„Philosophie ist Detektivarbeit“

Beide Projekte zeigen eine Form des aktivistischen, wissenschaftlichen Handelns, der sich als Investigation anstatt als Kritik verstehen lässt. Es geht hier um aktivistischen Forschungsprozesse, die zugleich einen wichtigen Punkt in Bezug auf die Möglichkeit wissenschaftlicher Arbeit artikuliert haben: Wie lassen sich die Techniken (und weniger die Erkenntnisse), die die Wissenschaft bereit stellt nutzen um gesellschaftliche Probleme zu untersuchen? 

Im Sinne der radical crimenology lässt sich dann auch Gilles Deleuze Aussage verstehen, dass Philosophie eine „ganz besondere Sorte von Kriminalroman“ sein sollte.6 Neben der Technik des Lesen von Texten als das Suchen von Indizien ist die Praxis des Forschens allgemein als Detektivarbeit zu sehen: einem ermittelnden Denken, das nicht im Rahmen eines Staates oder Gesetzes operiert, sondern nach einem anderen Wissen fragt, dass immer auch die Frage nach anderen Formen der Existenz und des Lebens beinhaltet.

Die Kunst der Forensis

Gerade die Kunst hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von investigativen Forschungstechniken hervorgebracht: Diese umfassen die filmischen Bildinvestigationen in Harun Farockis Bilder der Welt und Inschrift des Krieges (1988) und Chantal Akermans Sud (1999) aber auch die Arbeiten und Lecture-Performances von Rabih Mroué oder Hito Steyerl, die mittels visueller Analysen  und detektivischer Genauigkeit  Szenarien aus dem Krieg im Libanon und in Syrien bzw. den Verstrickungen von Kunstmarkt und Waffenindustrie nachgegangen sind. 

Auszug aus Chantal Akermans Sud (1999)

Das aktivistische Ermittlungskollektiv Forensic Architecture hat zudem in den letzten Jahren gezeigt wie diese visuellen Praktiken im Kontext der Wissenschaft eingesetzt werden können. Sie haben visuelle Verfahren, die wir vor allem aus der Kunst kennen und forensischen Techniken der Anthropologie, Architektur, Materialkunde, Akustik verbunden, um Ereignisse erneut zu untersuchen. Arbeiten wie The Murder of Halit Yozgat (2017), die sich mit dem 2006 durch den NSU ermordeten Halit Yozgat und der Rolle des Verfassungsschutzmitarbeiters Andreas Temme am Tatort beschäftigt hat, haben dabei immer wieder offizielle (polizeiliche) Ermittlungsergebnisse in der in Frage gestellt. Das auch hier die wissenschaftliche Arbeit aus der Universität tritt, zeigt nicht nur die weitreichende Rezeption der Studien (Tagespresse, Fernsehnachrichten, etc.), sondern auch die zahlreichen außeruniversitären Partnerinstitutionen (Kunstinstitutionen wie die Documenta 14, oder Menschenrechtsorganisationen wie Amensty international) mit denen Forensic Architecture immer wieder kollaboriert.

The Murder of Halit Yozgat, Digitales Modell zur Ermittlung der akustischen Dynamiken des Schusses, ©Forensic Architecture 2020

Ermittelndes Denken

In Kollektiven wie GIP und RC, sowie in den künstlerischen Praktiken von Farocki, Akerman und Forensic Architectureartikuliert sich ein ermittelndes Denken, das trotz seiner wissenschaftlichen Praktiken über die Institution der Universität hinausreicht. Mit ihren Forschungen gehen diese Ermittler*innen nicht bloß der Frage der Gefangenen, den Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg oder der Gewalt gegen Afroamerikaner*innen in den Südstaaten der USA nach, sie fragen auch, wie ein anderes Forschen aussehen kann, dass sich nicht auf die Universität beschränken lässt, sondern in (und mit) der Gesellschaft forscht. Welche anderen Koalitionen sind für dieses aktivistisches und investigatives Forschen notwendig und sinnvoll? Wer sind die neuen Verbündeten für ein ermittelnden Denken und Handeln, ein Denken, dass über die Universität hinaus geht will? Sind die klassischen Vermittlungsinstitutionen wie Museen, Theater, Feuilletons geeignete Orte für diese Forschungen und wo entstehen Kollaborationen mit neuen Partner*innen wie Privatarchive, investigative Journalist*innen, Künstler*innen? Welche Techniken eines ermittelnden Denkens gibt es, welche experimentellen Verfahren, welcher Mikropolitiken bedarf es, damit unsere Forschungen Detektivmaschinen produzieren, die in und außerhalb der Universität, mit den Mitteln der Universität, gegen die Universität, die Gefängnisse, die rassische Gewalt und anderes mehr ermitteln?

[Dieser Text basiert auf der Einleitung in den Workshop Constructive Thinking. Mikropolitiken experimenteller Praktiken, Bauhaus Universität Weimar, 2017.]

Fussnoten

  1. Mit dem Konzept der Undercommons stellen Stefano Harney und Fred Moten sich gegen die Idee einer professionalisierten Kritik der Universitäten: „Ist professionelle Distanzierung durch Kritik nicht die aktivste Zustimmung zur Privatisierung des sozialen Individuums? Im Gegensatz dazu könnten die Undercommons als misstrauisch gegenüber Kritik verstanden werden […]. Die Undercommons versuchen in gewisser Weise der Kritik und ihrer Degradierung als Universitätsbewusstsein und als Selbstbewusstsein vom Universitätsbewusstsein zu entwischen, indem sie sich, wie Adrian Piper sagt, in die Welt da draußen zurückziehen.“ Stefano Harney und Fred Moten: Die Undercommons. Flüchtige Planung und schwarzes Studium. Wien u.a.: Transversal 2016, S. 41.
  2. Zur Arbeit der Groupe d’information sur le prison und des Komitee Djellali siehe die Kapitel „Die Lehre der Finsternis“ und „Volksjustiz und Arbeitergedächtnis“ in Dider Eribon: Michel Foucault. Eine Biographie. Frankfurt: Suhrkamp 1999.
  3. AIDES ist das von Daniel Defert gegründete und geleitete Nachfolgeprojekt von GIP, das die Untersuchung und gelichzeitig die Unterstützung von Betroffenen von HIV/Aids zum Ziel hatte. Dafür hat sich AIDES letztendlich gänzlich von der Universität gelöst und in außeruniversitären Strukturen angesiedelt. Siehe dazu Daniel Defert: Ein politisches Leben. Berlin: Merve 2015.
  4. Félix Guattari: Lines of Flights. For Another World of Possibilities. London und New York: Bloomsbury, S.38.
  5. Für weiter Informationen zur Radical Criminology und der Berkeley School of Criminology siehe: Herman und Julia Schwendinger: Who killed the Berkeley School. Struggels over Radical Criminology. New York: Punctum 2014
  6. Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. München: Fink 1992, S. 13.